Watch - Schau hin! Der Jihad oder die Reise ins Paradies.

Entnommen - Street Art United Staates: Our 2014 top 20 photographs on facebook.



Ende November 2014 hielt ich in Bern einen Vortrag über "Self-exclusion of young migrants and participation in Jihad." Es ging um die Frage "Why do young migrants exclude themselves from European countries into which their families had immigrated and why they want to participate in Jihad." Denn nicht nur Erwachsene verlassen aus Überzeugung oder aus Abenteuerlust Europa, um nach Syrien oder anderswo in den Heiligen Krieg zu ziehen. Auch Jugendliche werden gezielt angeworben, die jüngsten unter ihnen zwischen 14 und 15 Jahren:

Twitt  A. J. Spang 23.8.2014

Islamophob sei ich, wurde mir von einigen jungen Muslimen vorgehalten. Der Vortrag sei "Propaganda gegen den Islam", so waren ihre Worte.

Aber es hat nichts mit Islamophobie zu tun, wenn wir hinschauen, berichten und analysieren, wie und wo versucht wird, Jugendliche für den Heiligen Krieg zu gewinnen. Auf Schulhöfen, in einigen Moscheen und Moscheevereinen oder über das Internet wird gezielt nach ihnen Ausschau gehalten, um in sie einzudringen und sie davon zu überzeugen, dass der Weg zum wirklichen, eigentlichen Glück im "Paradies" nur über den Heiligen Krieg auf Erden und das eigene Märtyrertum führt.

Tragen wir hier nicht eine Verantwortung? Denn welche Jugendlichen sind in dieser Altersphase bereits so gefestigt, dass sie zwischen Fremd-Verführung und reflektierter eigener Entscheidung differenzieren können? Erinnern wir uns: Haben wir uns im jugendlichen Alter nicht selbst auf der Suche nach der eigenen Identität träumend vielen Abenteuern hingegeben? Wie anziehend mag es da heute für einige sein, den ihnen so "hilfreich" angebotenen "realen" Abenteuern mit ihren paradiesischen Verlockungen einfach nachzugeben? Und so sitzen etliche von ihnen Abend für Abend – meist unbemerkt von ihren Eltern – am Rechner und verschwören sich gegen den Rest der Welt, bis sie eines Tages von zu Hause einfach verschwinden.

Islamophobe Fantasien oder Alltagsrealität?

Im Januar 2014 "reisten" zwei 15jährige französische Jungen nach Syrien, um dort im Heiligen Krieg zu kämpfen. Die Eltern hatten zwar Veränderungen bei ihnen bemerkt, aber niemals mit einem solchen Aufbruch gerechnet: "From the start of December my son was brainwashed online. There were exchanges on facebook, and he watched videos about the war in Syria. With his computer and his phone, he was on social media with his friend." Von zwei weiteren jungen französischen Männern aus Toulouse ist bekannt, dass sie nach Syrien zogen und dort getötet wurden, nicht ohne vorher bei YouTube ihre "Brüder" aufzufordern, sich ebenfalls dem Jihad anzuschliessen [veröffentlicht am 18. Januar 2014]. Und seither mehren sich die Medienberichte über junge Menschen aus fast allen europäischen Ländern, die in einer Nacht- und Nebelaktion aufbrechen und deren Spur sich dann einfach verliert; bis sie da und dort im Internet wieder auftauchen, völlig verändert, der "ungläubigen Welt" den Kampf ansagend oder strahlend ihr Selbstmordattentat ankündigen.

Einzelne verwirrte Kids oder gezielt angeworbene junge Menschen?

Wenn man im Netz herumstöbert, stösst man auf eine Propagandamaschinerie mit Aufrufen zum Heiligen Krieg, die einen erschaudern lässt. Soziale Netzwerke sind dabei ein besonders fruchtbarer Boden für diese Propaganda, denn das Spiel mit den modernen Kommunikationsmitteln beherrschen seine Propagandisten gut.

Wie schwer es ist, gegen die Inszenierungen des selbsternannten Islamischen Staates (IS) anzugehen, zeigt der aussichtslose Kampf von Twitter und YouTube, die ins Netz gestellten grausamen Videos über Tötungen, Kreuzigungen, Verstümmelungen, Enthauptungen und lebendige Verbrennungen der Opfer dieser "heiligen Krieger" wieder zu entfernen:

Twitt  E. J. Magnier  4.2.2015

Es ist ein Netzwerk von Protagonisten des IS entstanden, das von Außenstehenden noch immer kaum wahrgenommen wird, und von dem aus einzelne Jugendliche gezielt eingefangen werden. Einige von ihnen verfangen sich so unwiderruflich in diesem Netz, dass sie sich auf den Weg in ihren sicheren Tod begeben.

Anfang Februar 2015 veröffentlichte Der Spiegel eine Grafik mit ca. 500 "gewaltbereiten" Personen aus Deutschland und stellt deren Verbindungen untereinander vor. Grundlage der Auswertung sind offene, meist aber vertrauliche Quellen, so dass viele der Personen nur anonym dargestellt werden. Etliche sind aber auch namentlich bekannt.


Links: Bekannte Personen und ihr Vernetzungsgrad. 
Rechts: Davon im Jihad umgekommene Personen - rot. 
Interaktive Grafik Der Spiegel vom 3.2.2015


Die Verbindungen zwischen jeweils zwei Punkten in diesen Grafiken markieren die persönlichen Beziehungen dieser Personen. Je grösser ein "Punkte-Knäul", umso vernetzter ist die jeweilige Person. D.h. es existieren Netzwerke – die mittlerweile weltweit gespannt sind –  und in die einzelne Jugendliche bereits aus ihrem Lebensumfeld heraus integriert werden können; um dann nach ihrem eigenen Wunsch zum jeweiligen aktuellen Kriegsgeschehen weitergereicht und begleitet zu werden. Denn in Europa werden die Jugendlichen nicht gekidnappt, um sie in den Kampf zu schicken, so wie das in anderen Ländern geschieht. Hier werden Jugendliche gezielt gesucht und überzeugt, damit sie "aus eigenem Entschluss und Willen" in diesen Krieg ziehen.

Die roten Punkte der rechten Grafik markieren die Toten. Diese Personen sind bereits im Kampf umgekommen oder haben sich als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Wie viele von ihnen schon im jugendlichen Alter verstorben sind, können wir nur vermuten, nur wenige Namen sind offiziell bekannt. Aber wir wissen, wenn im Netz Bilder von einem bärtigen, langhaarigen toten "Kämpfer" auftauchen, mit dem Zusatz "al-Almani", dann ist wieder jemand umgekommen, der aus aus Deutschland kam. 

Twitt F. Flade 5.1.2015
So zum Beispiel Abu Jafaar al-Almani, von dem der Journalist Florian Flade annimmt, dass er in Kobane getötet wurde. Flade berichtet auf @FlorianFlade über Ausreisende und ihre Wege, was nicht einfach ist. Auch auch bei ihm steigt die Anzahl der Berichte über umgekommene junge Menschen aus Europa. Wichtigste Quelle ist für mich Erasmus monitor. Sein Wissen ist erstaunlich und seine Informationen sind recherchiert und überprüft und nicht einfach von anderen Medien übernommen. 


Die Ausreisen der Kampfwilligen sind gut organisiert. In zahlreichen Medien ist über die Schlepperrouten berichtet worden und darüber, wie die potentiellen Jihadisten sicher in die verschiedenen Kampfgebiete gebracht werden. In der Basler Zeitung vom 15.9.2014 beschreibt Tina Huber, wie man "für 25 Dollar über den Jihad-Highway" durch die Türkei nach Syrien kommt. Trotz heftiger Dementierung seitens der Türkei zweifelt heute niemand mehr an dem Bestehen dieser Routen, wie sie The Economist am 28.8.2014 unter dem Titel "It ain't half hot here, mum" beschrieben hat.
 Mit einem one-way Ticket zum Ataturk Airport nach Istanbul geht es weiter über den Landweg oder mit einem Inlandsflug – dem "Djihad-Express" – bis in die türkische Grenzregion nach Syrien. Weiter im Bus z.B. von Antakya im Südosten der Türkei nach Reyhanli, um dann über die Grenze in eines der Trainingslager der Jihadisten geschmuggelt zu werden. Diese Lager – auch "Schlachthäuser" genannt – dienen zur Vorbereitung der "ausländischen Kämpfer" auf die bevorstehenden und ihnen zugewiesenen Aufgaben: zu quälen, zu morden und zu töten, im Kampf gegen "falschgläubige" Muslime und Ungläubige – die "Kuffar".
 
The Economist 28.8.2014
Mit einem one-way Ticket zum Ataturk Airport nach Istanbul geht es weiter über den Landweg oder mit einem Inlandsflug – dem "Djihad-Express" – bis in die türkische Grenzregion nach Syrien. Weiter im Bus z.B. von Antakya im Südosten der Türkei nach Reyhanli, um dann über die Grenze in eines der Trainingslager der Jihadisten geschmuggelt zu werden. Diese Lager – auch "Schlachthäuser" genannt – dienen zur Vorbereitung der "ausländischen Kämpfer" auf die bevorstehenden und ihnen zugewiesenen Aufgaben: zu quälen, zu morden und zu töten, im Kampf gegen "falschgläubige" Muslime und Ungläubige – die "Kuffar". 

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat den kontinuierlichen Anstieg der über diese Wege nach Syrien Ausreisenden beobachtet. Im Jahr 2013 zählte es noch 60 Ausgereiste aus Deutschland. Ende 2013 waren es dann bereits viermal so viel, und im Frühjahr 2014 betrug die bekannte Zahl bereits cirka 320 nach Syrien ausgereiste Personen.

Die Washington Post informiert regelmässig über die weltweite Entwicklung der Jihad-Reisenden, aufgrund der Zahlen, die ihr vom englischen International Center for the Study of Radicalization and Political Violence (ISCR) zur Verfügung gestellt werden. Das Center schätzt die Zahl der ausländischen Kämpfer zu Beginn dieses Jahres bereits auf ca. 20.000 und in Deutschland auf ca. 600 ausgereiste Personen.

International Center for the Study of Radicalization and Political Violence (ICSR)
The Washington Post 27.1.2015.


Erstaunlich ist immer wieder, wie es gerade auch Jugendlichen gelungen ist, sich mit Erfolg auf einen solchen "Kriegspfad" zu begeben. Ohne grossartige Kontrollen konnten 14- und 15jährige aus Europa sich in der Vergangenheit bis nach Syrien durchschlagen. So berichtete Mailonline am 24.8.2014, wie einfach es sieben britische Jugendliche gelang, den Weg durch das "Tor zum Jihad" nach Syrien zu nehmen.

Doch das Reisen wird schwieriger. Die Türkei beginnt auf die anhaltende Kritik einer direkten und indirekten Unterstützung des IS zu reagieren. Oder sie wird sich langsam der entstandenen Bedrohung und Gefahr durch ihre laissez faire Politik gegenüber dem selbsternannten Islamischen Staat bewusst. Aber die Schlepper sind erfinderisch. Fast klingt es wie der Anfang eines Krimis von Agatha Christie, wenn der Chef von Interpol, Ronald Noble, im November 2014 von den neuen Reiserouten der Jihadisten berichtet, wie nämlich das Ziel Türkei nun unter Nutzung von Kreuzfahrtschiffen erreicht werde und die potentiellen ausländischen "Kämpfer" in Izmit oder in anderen türkischen Küstenstädten zusammen mit Gruppen von Urlaubsreisenden ankämen. Diese Schiffsreisen sind nicht nur eine Alternative zu den zunehmend unter Beobachtung stehenden Landwegen. Sie böten nach Noble ausserdem für die Einzelnen auch eine Möglichkeit, bei Bedarf an jedem Port einfach aussteigen, um unerkannt abzutauchen. Sicherlich eine faszinierende Vorstellung für jede Kriminalromanautorin, erschreckend jedoch in der Realität.

Erschreckend ist für mich aber auch, dass die Zahlen der Ausreisewilligen trotz grauenhafter Berichte aus den Kriegsgebieten, trotz Wintereinbruch und harten Lebensbedingungen, trotz Gräueltaten in Wort und Bild im Internet noch immer nicht ab- sondern weiterhin zunimmt. Es ist das Recht jedes einzelnen erwachsenen Menschen, sich für einen solchen kriegerischen Weg gegen den "Rest der Welt" zu entscheiden. Aber er oder sie trägt dann auch die volle Verantwortung für das eigene Handeln im "Kampf" und auch bei einer eventuellen Umkehr. Zu 12 Jahren Gefängnis wurde Imran Khawaja Anfang Februar 2015 in England verurteilt, ein Jihadist, der sich während seiner "Kampfeszeit" in Syrien u.a. mit Waffen und abgetrennten Köpfen im Internet hat abbilden lassen (BBC News vom 6.2.2015). Khawaja hat als erwachsene, volljährige Person heute die Konsequenzen aus seinem Handeln zu tragen.

Anders sieht es bei den Jugendlichen aus. Hier tragen nicht unbedingt sie und auch nicht nur die Eltern die Verantwortung. Hier hat auch der jeweilige Staat mit seinen eigens für Kinder und Jugendliche geschaffenen Institutionen eine Fürsorgepflicht. Und diese beginnt nicht erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und einzelne Jugendliche sich bereits auf den Weg gemacht haben, und man hilflos versucht, ihnen am Flughafen eine Ein- oder Weiterreise zu verweigern. Diese Verantwortung beginnt weitaus früher. Und dieser Verantwortung gegenüber der jungen Generation können sich weder Pädagogen noch Theologen auf Dauer weiterhin entziehen. 

Islamophobie ist sicherlich ein ernstzunehmendes Thema in Deutschland. Das darf aber nicht dazu führen, Themen in der Auseinandersetzung um den Islam einfach auszuklammern, mit der Folge, dass Jugendliche - aus welchen Gründen auch immer – sich in ihr eigenes Verderben begeben.