Geschichten

Der lustige Drache

 Zu den Wahrheiten hinter den Nasreddin Hodscha Witzen  –  von Selçuk Salih Caydı

Der lustige Drache ist eine Sammlung von Geschichten, die Witze des Nasreddin Hodscha und alte Traditionen aufgreifen und diese in neue Zusammenhänge stellen. Einige sind bereits auf Türkisch veröffentlicht und werden hier übersetzt erscheinen, einige sind Erstveröffentlichungen. Aber das gesamte Manuskript, das habe er "verbummelt", lediglich eine handschriftliche Version sei bestimmt irgendwo noch zu finden, so erzählte er mir vor Monaten. Nun hat er es doch gefunden, sein Manuskript. Hier ein kurzer Überblick über sein Werk.


3. Der zweite Gesprächsversuch des Vakanüvis mit Hafiz dem Witzigen
2. Der Pelz, der zum Essen nach Konya ging
1. Statt eines Vorwortes: Der Kessel hat ein Junges bekommen




Der zweite Gesprächsversuch des Vakanüvis mit Hafiz dem Witzigen   –  von Selçuk Salih Caydı



Das nach Tabak riechende Kaffeehaus war wieder einmal proppenvoll. Alle angesehenen Handwerker und Händler des Ortes hatten sich in seinem Garten versammelt. Sich unterhaltend und mit leisem Gelächter warteten sie auf den witzigen Hafiz, der mal wieder eine seiner neuen Hodscha-Geschichten erzählen wollte.
In langem Kaftan und mit spitzem Filzhut kam Hafiz langsam und wiegenden Schritts auf seinem langohrigen, schwarzen Esel den alten Weg der Römer auf sie zu. Er hatte wieder diesen witzigen Gesichtsausdruck, der jeden sogleich  zum Lachen verlockte.

So ritt er durch Trauer- und Ölweiden, unter Pergolen, umrankt mit Geißblättern, bis das Kaffeehaus fast in seiner Sichtweite war. Da erschien ihm durch eine der erhabenen Platanen plötzlich ein bekanntes Gesicht. Der junge Vakanüvis, in engen Hosen, breitem Ledergürtel, langen Socken und einem Oberhemd mit Rüschenkragen, einem europäischen Bürger ähnlich. [1] Er kam auf Hafiz zu und versuchte, mit einem merkwürdigen Lächeln irgendwie goldig zu wirken.
"Sei gegrüßt Hafiz!"
Gutgelaunt ließ Hafiz sich jedoch von ihm nicht beirren, sah den langhaarigen jungen Mann nur kurz an und setze seinen Weg weiter fort.
Mittlerweile war der Vorgarten des Kaffeehauses völlig überfüllt. Zusätzlich waren die Fenster des oberen Stockwerkes des zweistöckigen Steinhauses geöffnet, und von dort guckten noch weitere Köpfe heraus. Im Garten liefen die Diener herum und servierten ihren Herren den Kaffee. Einer von ihnen, der gerade an der Tür des Gebäudes stand, bemerkte Hafiz von weitem herankommen. Sogleich deutete er auf ihn, als dieser gerade aus dem büschigen Schatten eines Feigenbaumes hervorritt. Sofort drehten sich alle Köpfe nach Hafiz und dem schlaksigen jungen Mann, der neben ihm ging. Obwohl beide noch weit entfernt waren, ging eine freudiges Gemurmel durch die Menge.

Der junge Mann rückte dem Hafiz ungeniert näher und wiederholte:
"Sei gegrüßt, Hafiz."
"Ist ja schon gut. Grüß Gott. Ach! Du bist das schon wieder!"
"Ja, Sie wissen ja, unsere Unterhaltung über den Hodscha wurde unterbrochen."
"Ach was! Geh' deinen Weg! Lass mich in Ruhe!"
"Ich überlege mir auch, über Sie ein Loblied zu singen."
"Und seit wann überlegst du dir das?"
"Naja, ich denke so seit unserem letzten Zusammentreffen."
"Aha, du kannst also auch denken. Na, dann denk mal ruhig weiter."
"Äh ... die Geschichten Hodschas ..."
"Was ist denn mit denen?"
"Manche glauben nicht an sie."
"Ja und?!"
"Es wird an ihrer Richtigkeit gezweifelt. Einige sagen, der erhabene Hodscha wird doch nicht solche Albernheiten tun. Und außerdem ist das gegen unsere Religion. Auch wird erzählt, dass einige in unserer Religion Unausgebildete diese Geschichten einfach frei erfinden."
"Natürlich können sie das nicht mir ihrer weinerlichen Religion vereinbaren. Aber unsere Religion ist vergnüglich und lustig! Wir sind gelassener als die verzweifelten Weiner, so Gott will. Hehehe!"

"Und was ist mit den obszönen Geschichten? Der Hodscha würde doch nie im Leben solche Geschichten erzählen, sagen die Leute. Sie glauben nicht an diesen!"
"Das juckt uns ja gar nicht. Eigentlich ist nämlich das, was der Hodscha tut oder sein lässt, nicht viel anderes als Folgendes: Wenn jemand etwas Tiefgründiges vermitteln will, erschüttert er ihm zuerst einmal seine gewohnte kausale Welt, damit dieser aus seiner schläfrigen Alltagswelt aufwacht. Und um diese Welt zu erschüttern und vollkommen zu verwüsten, da tut er etwas Unerwartetes. Und was ist das wohl? Er kann alles tun, worauf du nicht gefasst bist! Unter den Witzen sind aber solche obszöne dabei, die über den Grund hinausgehen, die wiederum Grund zum Mittel werden. Erkundige dich mal beim Scheich von Konya, der sich mit mongolischen Räubern zusammen tut. Frag ihn mal über die erfundenen obszönen Geschichten des Hodscha. [2] Die wissen es besser."
"Hodscha soll der Anführerin des Frauenordens Bacıyan-ı Rum unfassbare Worte gesagt haben." [3]
"Ja und? Wieso spannt dich das an, du ungläubiges Klatschmaul? Die Anführerin dieses Ordens ist die Frau des Hodschas. Das ist ihre Art zu kokettieren. Jetzt kümmre dich um deine Sache." 
"Ach, so ist das also?!"
"Du hast ja keine Ahnung von dieser Welt."
"Und wie wäre es, wenn wir ein wenig über Sie reden würden?"
"Ach nee, lass das!"

Als Hafiz sich nun dem Kaffeehaus näherte, grüßte er winkend einigen Gästen im Garten von Ferne, die sich von ihrem Platz erhoben hatten, um ihn zu begrüßen. Der junge Mann mit dem Frackhemd ging weiter neben Hafiz her.
"Du solltest jetzt gaaanz langsam abtauchen ..."
"Ich wollte noch ein paar Fragen stellen ..."
"Du hast mich wohl nicht verstanden? Mach dich aus dem Staub, hab' ich gesagt!"
"Diese Hamam Geschichte Hodschas. Sie ..." [4] 
Der Junge mit den engen Hosen konnte seinen Satz nicht beenden, denn Hafiz ritt nun mit seinem Esel auf ihn zu. Der junge Mann, der dies nicht erwartet hatte, wich zurück und blieb am Stück eines Zweiges hängen, welches über den Strassenrand ragte und klappte bäuchlings auf die Wiese. Als er so in den hohen Gräsern fast wie begraben da lag, erschallte ein erstes Gelächter aus dem Kaffeehaus. Er richtete sich nicht auf der Stelle wieder auf. Schnell kontrollierte er im Reisesack, ob sein Tintenfass noch ganz oder gar zerbrochen war. Ohne sich den anderen zu zeigen, blickte der durch die Gräser und Frühlingsblumen hindurch und beobachtete, wie die Menge im Kaffeehaus den Hafiz willkommen hiess und sich zum Lachen bereit auf den Hockern, Bänken und Polstern niederließ.
Flugs wurde der Esel von Hafiz vor die Wasserstelle im Garten zu den anderen Eselgesellen angebunden. Als Hafiz sich im Garten auf die für ihn ausgebreiteten Polster niederließ, arbeiteten die Gehilfen in vollem Gang und trugen flugs die Wasserpfeifen und den Kaffee für die Gäste vom steinernen Haus in den Garten.

Sie hatten den langhaarigen Jungen mit dem Frackhemd schon vergessen. Der Vakanüvis ging nun, ohne sich den Kaffeehausgästen zu zeigen, durch die langen Gräser um die steinerne Wand herum, die mit Geißblatt und Efeu umrankt war. Er näherte sich dem Kaffeehaus durch den anliegenden Obstgarten und versteckte sich duckend hinter der runden Mauer eines kleinen Wasserbrunnens. Hier setzte er sich nieder, lehnte seinen Rücken an die Wand des Brunnens und nahm aus seinem Reisesack das Tintenfass heraus. Das Gefäß war mit einem Korkdeckel fest verschlossen. Er öffnete es vorsichtig und setze es vor sich auf den Boden. Aus einem Etui nahm er seine Feder und begann nun, sich auf der handflächengroßen Schreibtafel winzige Notizen zu machen.

Genau in diesem Moment hörte man die zittrige Stimme eines der Wirtsgesellen: "Hafiz, der Blonde Derwisch sei in eure Gemächer eingetreten und hat Hodscha einen Besuch abgestattet. Ist das wahr?" [5]
"Ha, ja! Der Hodscha hat ihn sogar mit seinen eigenen Händen bedient."
Nun war die ausgeglichene, tiefe Stimme eines Anderen zu hören: "Ein feiner Kerl, dieser Blonde Derwisch. Er soll ein Ungeheuer besiegt und alle Ungläubigen vor diesem Übel gerettet haben."
Da erklang die lustige Stimme des Hafiz: "Ha, ja! Aber er stellte dem Hodscha aus Neugier eine Frage, die er besser hätte sein lassen sollen."
"Was hat er denn gefragt?"
"Unser Gemach ist doch groß, nicht wahr? Es gehen viele ein und aus. Da sind Ställe, Pferde, Wagen, Gästekammern, Teppiche und ... . Alles im Überfluss. Ich sag dir, der Hodscha liess dann noch das Silbergeschirr auftischen."
"Und weiter?"
"Der Blonde schaute auf das ihm vorgesetzte Silber, sah auf das Essen und blickte auf die teuren Teppiche rundherum und fragte, 'was gehört denn DIR in diesem Gemach, verehrter Hodscha?"
"Hat der Blonde Derwisch das wirklich gefragt?"
"Ja. Der Blonde Derwisch ist ein raffinierter Bursche, keiner kann sich mit seinem Holzschwert messen, weder Dschinnen und Geister, noch Ungeheuer. Er ist ja noch so jung. Ihm ist wohl keine bessere Frage eingefallen. Doch der Hodscha testete ihn anscheinend."
"Was du nicht sagst?!"
Hodscha sagte ihm: "Es gibt hier nur drei Dinge, die mir gehören, mein Sohn."
"Ja?! ... Und was, was sind die, die ihm gehören?!"
Der Teeservierer kicherte: "Das eine ist bestimmt sein Esel."
Der Schmied, mit seiner tiefen Stimme: "Bestimmt sein Turban, was sonst?"
Hafiz erzählt ganz ernsthaft weiter. "Der Blonde Derwisch war sehr neugierig. Er schaute umher, blickte in den Gebetsraum nebenan, den Gästebereich des Dergahs [5], aus dem Fenster heraus zum Stall und dann zurück auf das Silbergeschirr und wartete auf die Antwort des Hodscha, welche Dinge es nun seien, die ihm gehörten."
"Ja und was nun?!.."
"Sag schon, was hat Hodscha gesagt? Was sind die drei Dinge?!.."
"Hodscha fasste sich in den Schritt und sagte: zwei Eier und ein Schwanz." [6]

Es ertönte ein schallendes Gelächter im Garten, so dass fast die Fensterscheiben des Stadtviertels zersprangen. Alle Katzen und Raben im Garten flüchteten auf die Bäume. Die Kinder aus der Nachbarschaft kamen herbeigerannt, um zu sehen, was da los ist. Einen alten Schreinermeister, der vor lauter Lachen vom Stuhl gefallen war, versuchten seine Gehilfen wieder hochzuheben, doch sie schafften es nicht. Der Meister krümmte sich vor Lachen auf dem Boden. Der junge Vakanüvis mit dem Frackhemd kippte sich vor lauter Lachen die Tinte auf sein weisses Hemd. Die Feder und das kleine Gefäß wurden in verschiedene Richtungen geschleudert. Er stand auf. Das Gelächter im Kaffeehaus schien kein Ende zu nehmen.
Der Schmied hielt seinen Bauch und fragte mit hustendem Ton: "Hafiz, Junge, hat er das wirklich gesagt?"
"Ha ja!"
"Hohohohohoho!"
Der junge Vakanüvis näherte sich dem Hafiz durch die lachende Menge. Er nahm sich einen Hocker, wobei er immer noch lachte.
"Kann es nicht sein, dass Hodscha damit vielleicht etwas anderes meinte?"
Hafiz antwortete mit aufgesetzter Vornehmheit "Aber natürlich."

Sodann packte der den Jungen an seinem Rüschenkragen, zog ihn eng zu sich und flüsterte ihm in sein Ohr: "Dummer Kerl, hör mal zu! Bist du ein Unheil über meinem Haupt, oder was? Verdirb nicht unsere Laune. Wenn ich den Bewohnern hier direkt erzähle, dass Hodscha damit Glaube, gute Tat und Güte meint, wer würde denn da schon lachen, wer Freude aufbringen? Wer würde sich demnächst darüber Gedanken machen und den Kopf zerbrechen, was Hodscha wirklich meinte, du Ungläubiger aller Ungläubigen?! Wer die schmackhaftesten und lebenserweckenden Früchte aller Früchte zu leicht auf dem Teller bereit findet, wird sie nicht so schätzen als diejenigen, die er selber pflückt. Jedenfalls ist deine nervenaufreibende und schlafwandlerische Art hier nicht von Nöten. Verschwinde!"
Da kommt der Vakanüvis zu sich.

Übersetzt von Sümer Caydı.
Noch nicht in türkischer Sprache erschienen.

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[1] Geschichtsschreiber. Vaka: Fälle/Geschehenes; Nüvis: Registrierer
[2] Gemeint ist der Gründer des Mewlewiten Ordens Mevlana Dschalaleddin Rumi. Nach Studien von Prof. Dr. Mikail Bayram wurden die ersten obszönen Witze über den eigentlichen Nasreddin Hodscha, nämlich Nasreddin Mahmud El-Hoyi, auch als Ahi Evran, "Ahi der Drache" genannt, von Mewlewiten erfunden und verbreitet, um Hodscha zu diskreditieren. Damals fand in Anatolien ein heftiger kultureller Kampf zwischen den mongolenfreundlichen iranischen Mewlewiten und dem anatolisch-türkischen Ahi Orden, der sich mit Bekataschiten (heute Aleviten) verbündete.
[3] Bacıyan-ı Rum ist der einzige islamische Frauenorden im anatolischen Mittelalter. Die Gründerin und Anführerin dieser Orden Fatma Bacı (Schwester Fatmas) war die Frau von Nasreddin Hodscha.
[4] Die Geschichte: Tamerlan rief Hodscha zu sich. Als er an seinem Palast ankam war der mongolischer Herrscher im Hamam. Nach einer kurzen Unterhaltung fragte Tamerlan den Gelehrten.
"Du kannst alles besser schätzen, was glaubst du wieviel ich wert bin Hodscha?" Hodscha guckte aif seine Hamamschürze und sagte, "ein Dinar." "Was? So billig?" "Ich meinte nur deine Schürze, nicht dich. Du selbst bist nichts wert."
Diese Geschichte wird oft nach Tamerlan erzählt, der in den ersten Jahren des 15. Jh Anatolien überfiel und die Ottomanen besiegt hat. Aber eigentlicher Tamerlan (Timur) in der Geschichte könnte Mengü Timur sein, der Ilchane, ein iranischer Mongole, der damals auch über Anatolien herrschte.
[5] Dergah ist ein kleines islamisches Kloster. Mit dem "Blonden Derwisch" ist Sarı Saltuk gemeint. Er wurd besonders von den Bektaschiten geschätzt. Nach Hodschas Ermordung durch Mongolen soll auch er mit einigen seldschukischen Adligen nach Westanatolien gewandert sein. Die Seldschuken suchten Asyl in Konstantinopel.
[6] Diese Geschichte ist aus dem echten Hodscha-Buch aus dem 15. Jahrhundert entnommen. Sie ist  damals von einem beauftragten Geschichtsschreiber redigiert worden und im Originalen heißt es mit urvulgären Worten, die sich seitdem nicht geändert zu haben zu scheinen: "İki taşak bi yarak".  





Der Pelz, der zum Essen nach Konya ging  –  von Selçuk Salih Caydı


Langsam näherte sich die kleine Karawane dem Palast von Konya. Hodscha, der ganz vorne auf seinem Esel voranritt, trug einen Kaftan mit Pelzbesatz an Ärmeln und Kragen und auf dem Kopf einen riesengroßen Zeremonien-Turban.
Der Jüngste seiner fünf Schüler, die ihn begleiteten, lief neben ihm. Er trug einen sorgfältig zurecht gewickelten Gürtel, eine mit Goldfäden bestickte Weste und ein schneeweißes, kragenloses Hemd.
Zwei weitere Schüler, die ihre Almosenköcher über ihr Kreuzbein geschwungen hatten, folgten ihnen. Keiner der fünf Schüler mit ihren kreuzweise über die Schulter verschränkten Sadak [1] war älter als siebzehn Jahre.

Zwei störrische Esel, die an einem dicken Seil aneinander gebunden hinter dem Hodscha her trotteten, schüttelten ab und zu unwillig ihre Köpfe. Auf dem Esel in der Mitte saß der witzige Hafiz [2] mit den Segelohren und seiner dicken Nase. Der Esel hinter ihm trug den Proviant für die Karawane und die Geschenke für den Gastgeber im Palast. Der zwischen Trägheit und Müdigkeit wankende Hafiz war mit einem unauffällig langen Gewand bekleidet und trug einen spitzen Filzhut.

Als die Frauen und Männer bemerkten, dass eine Karawane durch ihre Stadt zog, traten sie aus ihren Geschäften hervor, um den Hodscha freundlich zu begrüßen. Alle lächelten. Nur Hodscha war ernst. Eine Gruppe von Kindern, die mit Strassenhunden spielten, erkannten den Hodscha bereits von Weitem und eilten ihm entgegen. Sie deuteten auf ihn und brachen dabei in ein lautes Gelächter aus. Da beugte sich Hodscha zu seinem neben ihm herlaufenden Schüler und fragte diesen:
"Was habt ihr denen wieder über mich erzählt? Ich könnte verstehen, dass die Männer und Frauen Grund zum Lachen über mich haben. Aber warum nun auch die Kinder?!"
 Der noch unerfahrene Schüler, der ohne Bogen und Almosenköcher neben ihm lief, zuckte mit den Schultern.
“Woher soll ich das denn wissen Hodscha, es sind eben Kinder.”
"Was bist du denn, etwa erwachsen?! Du mit deinem Federbart, unterlaß deine Hammamwärter-Sprüche in meiner Gegenwart," fauchte dieser ihn an.
Der Schüler schwieg und trottete weiter neben ihm her.

Die Kinder liefen nun kichernd, ihre Blicke fortwährend auf den Hodscha gerichtet, neben diesem her. Einer von ihnen, ein schlacksiger, barfüßiger Junge, dem man es ansah, dass er etwas Lausbübisches vorhatte, blickte gegen die Sonne, kniff dabei eines seiner Augen zu und fragte:
"Hodscha, was hast du uns aus Akşehir mitgebracht?! [3]
"Wenn ich gewußt hätte, dass du mich das fragen würdest, hätte ich dir weiße Scheiße mitgebracht, mein lieber Junge,” antwortete Hodscha brummig.
Die Kinder kicherten untereinander weiter. Der längste unter ihnen prustete vor sich hin, als sei er kurz vor einem Lachanfall.
“Hodscha, hast du uns keine Schilf-Pfeife mitgebracht?” [4]
“Ach so, diese Geschichte!...” grummelte Hodscha.

Er zog die Zügel und liess seinen Esel anhalten. Dann wendete er ihn halb und warf einen wütenden Blick auf den witzigen Hafiz, der hinter ihm her ritt. Das grinsende Gesicht des Hafiz wandelte sich plötzlich in eines seiner dümmsten Ausdrücke. Seine langen Zähne zur Schau stellend, grinste er den Hodscha so an, als würde er ausrufen wollen: “Diesen Witz habe aber ich erfunden!”
Wütend vor sich hin grollend ließ Hodscha seinen Esel durch einen Tritt vorwärts schnellen.
Da riefen die Kinder wie aus einem Munde:
"Wer zahlt, der pfeift! Wer zahlt, der pfeift! Wer zahlt der pfeift!"
Wieder zog Hodscha die Zügel, drehte diesmal ganz und schwang seinen Stock gegen die Kinder und schleuderte ihn schließlich mit einer drehenden Bewegung gegen den witzigen Hafiz.
Dieser wich mit einer geschickten Bewegung zur Seite, ohne dabei seinen Gesichtsausdruck zu verändern, so dass der Stock an seinem Kopf vorbei flog und an der Seite des Weges landete.

Der mit dem Hodscha mitlaufende Schüler ohne Bogen fühlte sich durch die Tat des Hodscha ermutigt und schrie die lachenden Kinder an. "Geht aus dem Weg, ihr Armseligen, ihr Elenden!"
Von seinem Esel aus schwang Hodscha seinen Fuss zu einem Tritt auf den Hintern seines Schülers, so dass dieser bäuchlings auf den staubigen Weg stürzte.
“Du elender Hund! Denkst du, dass du ein Herr geworden bist, nur weil du wegen des Sultanbesuchs eine Weste mit Goldnähten trägst? Geh, hol mir schnell den Stock, den ich zum Hafiz geschleudert habe!”

Nachdem die Kinder den Tritt des Hodscha gegen seinen Schüler gesehen hatten, verstummten sie augenblicklich und rannten geschwind davon. Einige der Frauen an der Straße warnten die anderen Kinder in der Nachbarschaft durch ihre Mimik und Gestik, dem Hodscha doch mehr Respekt zu zollen. Trotz dieses Vorfalls lächelten alle, die der Karawane am Strassenrand zuschauten, dem Hodscha weiter zu.

Als die kleine Karawane nun an dem Platz bei den grünen Gärten ankam, schlug sie den Weg durch die Bäume geradewegs zum Palast ein. Ihr Weg führte an einem gut aussehenden, starken Jüngling vorbei, der unter einer riesigen Platane ausgestreckt dalag, nun aber plötzlich aufstand und sich vor die Karawane stellte. Obwohl er mit Lumpen bekleidet war, stand er aufrecht und selbstbewusst vor ihnen. Er hatte etwas Entschlossenes an sich, was immer auch seine Absicht und sein Ziel war.

Als die kleine Karawane des Hodscha dem Jüngling immer näher kam, schien dieser ihnen dennoch nicht aus dem Weg gehen zu wollen. Zwei Schritte vor ihm hielt Hodscha an und stieg von seinem Esel.
“Wir müssen uns wohl mit dir unterhalten Junge! Du hast dich ja wie ein Schenk [5] vor uns gestellt.”
“Hodscha, ich wünsche mir Hilfe von dir – gegen mein Leiden."
“Ja, dann geh aber besser zum Naturheiler. Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, das alles ist nicht meine Spezialität.”
“Ach, ich bin verliebt Hodscha, verliebt!"
“Na dann, gute Besserung Junge!”
Nachdem Hodscha vor sich hin murmelte und seufzte, sagte er schließlich:
“Eine Schönheit mit seidenweicher Haut bin ich nicht, der deinen Gedanken nachkommen könnte.
Ich könnte dir aber diesen dummen Hafiz anbieten. Da wäre ich dann aber gespannt, was für unsinniges Zeug er allen über unser zufälliges Treffen erzählen und wieder als Geschichten verbreiten würde."
Hafiz ärgerte sich leicht und zog ein langes Gesicht.

“Nicht doch,” sagte der Jüngling und lächelte. “Ich bin verliebt in die Tochter des seldschukischen Sultans.”
“Na dann, Mahlzeit!”
"Warum denn, mein Hodscha?"
“Du kannst dieses Mädchen nur in deinen Träumen sehen und mußt hinterher ins Hamam [6] zum Baden gehen! Das ist schwer, sag ich dir, mein Junge, sehr schwer!”

Hodscha stupste seinen Schüler, der noch kurz zuvor einen Tritt erhalten hatte, leicht mit dem Ellenbogen. Dieser noch immer verstaubte Junge stand neben ihm, ergeben und still.
“Sag doch auch du dazu etwas, du unfertiger, noch ungeschliffener Derwisch.”
Der Schüler antwortete mit seiner unsicheren Stimme, “was weiß ich denn schon, Hodscha.”
“Wenn du nicht gefragt bist, weißt du über alles Bescheid. Wenn du gefragt bist, weißt du gar nichts? Na, sag doch schon etwas!”
“Also, ich würde meinen, verehrter Hodscha, dieser Bruder ist arm und ohne Titel. Müsste er nicht reich oder ein mächtiger Herr sein, um um die Hand der Sultanstochter anhalten zu dürfen?"
Hodscha ließ den spitzen Filzhut seines Schülers durch einen leichten Klaps zu Boden fallen.
Der Schüler beugte sich hinab, hob ihn auf und setze ihn sich wieder auf den Kopf.

“Na, was sagst du dazu, mein Junge," wandte er sich an den Jüngling.
Dieser blickte den Gelehrten mit dessen großen Turban nachdenklich an.
Hodscha stupste seinen Schüler wieder und dieser redete weiter. 
Er schien seine Worte sorgfältig zu wählen.
"Wenn der ältere Bruder nicht diese Voraussetzungen erfüllt ..."
Hodscha stupste ihn erneut, als Zeichen, dass er weiter reden solle.
"Was hat er denn schon für besondere Fähigkeiten, dass ihn der Sultan herzlich empfange und noch dazu seine Tochter ..."
Hodscha stupste.
"Der Sultan ..."
Er stupste erneut.
"Die Tochter des Sultans ..."
Als Hodscha nun seine Hand zufrieden auf die Schulter seines Schülers legte, wusste dieser, dass er ruhig weiter sprechen sollte. Er sprach nun in sehr selbstsicherem Ton:
"Was hat er schon für besondere Fähigkeiten, dass ihn die Tochter des Sultans..."
Nasreddin Hodscha ergänzte:
 "... auf ihr Bett nimmt und vierzig Tage und Nächte mit ihm verbringt? Und sie dabei nicht einmal auf die warnenden Worte ihres Vaters hört?!"
Der Schüler grinste.

Der starke Jüngling seufzte und antwortete
"Ich bin aber ebenfalls ein Sultan, mein Hodscha. Ich bin der Sultan des großen Glücks."
Hodscha lachte sich ins Fäustchen.
"Ach was! Und ich bin Alexander der Große. Ja, und dieser Esel ist eigentlich ein Pferd. Aus meiner Perspektive sieht er aber aus wie ein Esel – du Schlingel."
Da lachte der Jüngling sein ganzes Leiden weg und zog aus seinem breiten Stoffgürtel ein Mulltuch. Es war an den Rändern mit Perlen bestickt. In der Mitte war ein Handabdruck erkennbar. Hodscha nahm das Tuch und betrachtete den von Henna bemalten Handabdruck sorgfältig. Die detaillierten Spuren auf dem glatten Stoff deuteten eine zarte Frauenhand an, mit langen schlanken Fingern. In der Mitte des Handabdrucks war auf der Handfläche, etwas dunkler als die Hennafarbe, ein kleiner Blutfleck ganz deutlich zu erkennen.
Da schrie der Schüler aufgeregt:
"Das ist ganz bestimmt der Handabdruck von der Sultanstochter!"
"Deine Rohheit geht mir langsam auf den Geist, mein Sohn," erwiderte ihm Hodscha.

Als der Jüngling nun seine Hand hinstreckte, um das Mulltuch vom Hodscha wieder in Empfang zu nehmen, packte ihn dieser am Handgelenk. Er beschaute sich dessen Handfläche und danach das Mulltuch, auf dem die Handlinien der Sultanstochter zu sehen waren. Anschliessend gab Nasreddin Hodscha dem Jüngling das Tuch wieder zurück.
Ohne ein Wort zu sagen, zog er seinen pelzbesetzten Kaftan aus und legte den Turban ab. Beides überreichte er dem Jüngling.
"Zieh dieses Gewand an und setze den Turban auf. Du wirst als meine Vertretung in den Palast gehen."
"Das kann ich nicht, mein Hodscha, das wäre eine Anmaßung von mir." 
Hodscha sprach nun im Befehlston. "Du wirst dahin gehen!"
Jetzt wurde der Jüngling sehr aufgeregt.
Nachdem Hodscha seinen Kaftan ausgezogen hatte, war auch der Hafiz von seinem Esel gesprungen und gesellte sich zu ihnen. Er wollte verstehen, was denn der Hodscha nun schon wieder anstellte.
Hodscha nahm aus einer der Satteltaschen, die über dem Esels hingen, eine lederne Hülle und zog daraus ein gerolltes Stück Papier. Er rollte es so auf, so dass der Jüngling es auch sehen konnte. Dieser schaute ihn fragend an. Hodscha nickte, legte das Papier ausgebreitet auf den Sattel seines Esels und wartete ab.
Der Jüngling betrachtete das Pergament und sah, dass es in der Mitte unbeschrieben war, an den Rändern und rund um die leere Mitte allerdings Schriftzeichen zu lesen waren. Er zog aus seinem breiten Stoffriemen, der ihm als Lendenschurz diente und in dem er auch das Tuch der Sultanstochter aufgehoben hatte, einen kleinen Dolch heraus.
Genau an der Stelle, an der sich die Sultanstochter an ihrer Hand verletzt hatte, fügte er sich nun selbst eine kleine Wunde zu. Das Blut sammelte er in der Handmulde, verteilte es auf seiner Handfläche und drückte diese dann in die leere Mitte des Pergaments, so dass sein Handabdruck genau zu sehen war.
Hodscha rollte das Papier wieder zusammen, steckte es in die lederne Hülle und reichte es dem Jüngling. "Das sollst du unserem Sultan überreichen."
Der Jüngling beugte sich ehrfürchtig zum Gruß.
Der Schüler mit spitzem Filzhut flüsterte Hafiz vorsichtig fragend etwas zu, damit niemand anderes seine Worte hörte: "Was steht denn auf dem Edikt geschrieben?"
Der Hafiz antwortete ihm mit einer albernen Miene: "Wessen Handabdruck auf diesem Dokument zu sehen ist, der ist dem Sultan gleich!"
Der Schüler schaute merkwürdig fragend, als würden seine Augen losschreien, ‘Woher wußte denn Hodscha nur, dass dies alles hier passiert?’, wobei ihm der Hafiz lediglich einen ‘Ich weiß es nicht!’-Blick zuwarf.

"Du sollst dem Sultan auch das Mulltuch geben, welches du mir gerade zeigtest", bestimmte Hodscha.
"Das kann ich nicht tun, Hodscha, das ist ein Geschenk von meiner Geliebten. Ich gebe es niemandem."
"Du wirst den Traum deiner Geliebten abgeben, dafür wirst du sie in der Realität erhalten. Was willst du denn noch? Herrgott noch mal!"
Der Jüngling beugte sich vor, um die Hände Hodschas zu küssen. Doch der alte Mann ließ dies nicht zu.
"Einer Liebe, die sogar deutlich in den Sternen geschrieben steht, kann nicht einmal ein Sultan im Wege stehen, mein Junge."
Der Jüngling lächelte so glücklich, dass die Welt um ihn herum heller erstrahlte und sich mit neuem Leben erfüllte.

Er kleidete sich mit dem Kaftan, setzte Hodschas Turban auf und bestieg den hübschen Esel, der ganz vorne vor der kleinen Karawane wartete. Hodscha betrachtete den jungen Mann mit Wohlgefallen. Dann setzte er sich unter die Platane, unter der zuvor der Jüngling gelegen hatte und stemmte seinen Rücken gegen den Baumstamm.
"Du hattest Recht, mein lieber Junge, das nenn’ ich Glück."
Als der Hafiz sich nun auf den letzten Esel setzte, bewegte sich die Karawane langsam in Richtung des seldschukischen Palastes in Konya. Hodscha rief ihm noch laut zu, "Na Hafiz, du Schurke, es würde mich echt interessieren, was du diesmal für eine Geschichte ausbrütest!"
Und Hafiz rief lachend zurück "iß mein Pelz iß!.." [7] während er schnell flüchtend seinen Esel vorwärts trieb. Da hob Hodscha noch ein paar Steine und warf sie hinter ihm her. Aber die konnten Hafiz nicht mehr erreichen.

Übersetzt von Sümer Caydı.
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[1] Pfeil- und Bogenhalter
[2] "Hafız der Witzige" ist der Erfinder der Hodscha-Witze. Eine fiktive Person.
[3] Akşehir bedeutet "weisse Stadt"
[4] Der Witz "Wer zahlt, der darf pfeifen": Eines Morgens, auf dem Weg zum Markt wird Nasreddin Hodscha von den Kindern aus der Nachbarschaft umringt: “Hodscha, wo gehst du hin?” “Ich reite zum Markt.” Die Kinder betteln: “Hodscha, bring uns Pfeifen mit.” "In Ordnung", antwortet Hodscha. Aber nur eines der Kinder reicht ihm ein Paar Münzen. Als es Abend wird und Hodscha zurückkehrt laufen die Kinder ihm entgegen und umringen ihn. Sie freuen sich auf ihre Pfeifen. Aber Hodscha holt nur eine einzige Pfeife und reicht sie dem Kind, das ihm die Münzen gegeben hat. Sofort beginnt es, fröhlich darauf zu blasen. Die anderen Kinder rufen: “Wo sind denn unsere Pfeifen, Hodscha?” "Tja", gibt dieser zurück, "nur wer zahlt, der darf pfeifen.”
[5] großer Stein
[6] Nach islamischer Sitte der damaligen Zeit muss man nach einem bewussten oder unbewussten Samenerguss einen rituellen Bad nehmen und den ganzen Körper waschen. Daher ist für einen Junggesellen unterwegs dann ein Hamambesuch (türkisches Bad) empfohlen.
[7] Der Witz "Iss, mein Pelz, iss!": Hodscha ist zu einem Bankett eingeladen. Er trägt sein Alltagsgewand und wird von niemandem beachtet. Das ärgert ihn sehr. Er eilt nach Hause, wirft seinen prächtigen Kaftan mit dem Pelzkragen um und kehrt zu der Festgesellschaft zurück. Schon am Eingang wird er mit Ehrerbietung begrüßt und an das Kopfende der Tafel geleitet. Als die Suppe serviert wird, tunkt der Hodscha das Revers seines Mantels in die Schüssel und sagt: "Bitte, bedien dich. Iß, mein Pelz, iß, mein Pelz!" Den erstaunten Gästen aber erklärt er: "Die Ehre gilt ja doch dem Pelz, soll der auch das Essen haben!"




Statt eines Vorwortes

Der Kessel hat ein Junges bekommen  –  von Selçuk Salih Caydı


"Der Kessel hat ein Junges bekommen" [1] hörte ich während meines ersten Schuljahres. Den Witz hat mir ein Klassenkamerad erzählt. Der Hodscha, wie ich ihn mir damals vorstellte – nicht als einen islamischen Gelehrten, wie es das Wort eigentlich bedeutet, sondern als einen Lehrer, so wie man bei uns die Lehrer aus Respekt benennt und anspricht – dieser Hodscha ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Ein kräftiger alter Mann, der einen dämmerigen Gang entlang schlurft, in dem sich Blumendüfte mit dem leichten Geruch von häuslicher Feuchtigkeit vermischen. Mit seinem kurzen grauen Bart und einem sonnig lächelnden Gesicht war er für mich so wirklich, wie alle meine Lehrer. Ich dachte, er könnte mich jeden Moment sehen, wenn er seinen Kopf nur leicht nach rechts drehen würde. 

Gleich drei Schritte hinter ihm – jenseits von Zeit und Raum – hielt ich meinen Atem an und beobachtete ihn weiter. Da hämmerte es am Ende des Ganges beharrlich gegen die schwere Holztür. Aber durch das dicke Walnussholz störte das Drohgrollen die friedliche Stimmung im Korridor nicht weiter, selbst dann nicht, als das Hämmern wie das eindringliche Klopfen eines Spechtes weiter anhielt. Der Mann mit dem hellen Gesicht und dem dicken Bauch lief gelassen weiter, seine Lederpantoffeln über den Boden schleifend und hielt vor der Tür. Entschieden klappte er den eisernen Riegel zur Seite. Schlagartig hörte das Grollen auf. Es herrschte tiefe Stille. Nun öffnete der Hodscha die mächtige Tür mit einer solch flinken Bewegung, die man ihm in seinem Alter kaum zugetraut hätte und auf einmal stand der Korridor in flutendem Licht.

Wie eine schwarze Donnerwolke verdeckte die rundliche Silhouette eines Mannes nun das durch die Tür hineinströmende Licht. Dieser trug eine dunkel-khakifarbene Robe aus einem groben Stoff, der ähnlich aussah wie Şilebezi.[2] Obwohl die Gestalt des Mannes mit seiner Robe in der Finsternis fast versank, und sein Gesicht kaum erkennbar war, konnte man die mürrischen Züge seines schmalen Gesichtes klar und deutlich erkennen. Mit seinen schwarzfunkelnden großen Augen schaute er den Hodscha von Kopf bis Fuß voller Verachtung an. Die meisten kennen, was nun im folgenden Dialog zur Sprache kam. Ich möchte daher etwas erzählen, was in der üblichen Geschichte – also dem Witz – nicht vorkommt.

Der Hodscha trug eine kleine weiße Gebetskappe. Seine dickfingrigen Hände waren ohne Hornhaut, so wie die der Stadtmenschen. Sein kragenloses weißes Hemd aus dicklichem Stoff war ebenso faltenfrei und sauber, wie seine pastellgrüne Robe. So stand er mit leicht gebeugtem Oberkörper in der demütigen Haltung eines anatolischen Gastgebers an der Tür. Sein durch das Tageslicht erhelltes Gesicht strahlte eine friedliche Freude aus. Seine runde, rosafarbene Nasenspitze machte ihn jünger, fast kindlich. Und die Vitalität trotz seines hohen Alters erkannte man an den schnellen Bewegungen seiner Augen. Er schien gar nicht den Mann vor der Tür anzuschauen, sondern blickte in den Garten. Oder ich sah das aus meinem Blickwinkel so.
Als nun ein intensiver Blumenduft herein wehte, der jedes tote Wesen hätte wieder ins Leben zurückrufen können, merkte ich erst, dass dieser sich im Korridor verfangene schöne Duft aus dem Garten kam. Während ich ihn nun so in mich hineinsog, blieb mein Blick an dem Mann vor der Tür haften. Er erschien mir umso dunkler, je heller es von draussen hereinschien. Das frische Frühlingsgrün im Garten, dass ich aus meiner Ecke erblicken konnte, tanzte in regelmässigen Wogen im Wind. Man konnte noch nicht einmal einen Schatten erkennen, so wie in meinen Aquarellbildern. Aus den vielen Grüntönen blitzten purpurrote Klatschmohnblüten hervor, und es schwebte weißes Konfetti von den prachtvoll aufgeblühten Kirschzweigen. Das alles konnte ich aus meiner Ecke erkennen. Ja, es musste April sein. 

Der Mann an der Tür wirkte ziemlich wütend. Eine Hand in die Taille gestemmt, die andere an seinem Gesicht, schaute er den Hodscha mit stechendem Blick an, wobei er fortwährend über seinen Ziegenbart strich. Ein Leinenstoffteil, um seinen spitzen schwarzen Filzhut gewickelt, hing bis an seine Schulter herab und ließ dabei sein Gesicht schmäler wirken, als es eigentlich war. Der Hodscha hörte den Mann ohne das geringste Anzeichen von Ungeduld an. Bei jedem der stark betonten Worte stiess dessen spitzer Bart gegen seine Brust. Nach einer Weile jedoch hob der Hodscha mit einer leidenden Miene seine rechte Hand, so als würde er beten. Die dunkle Person wurde noch wütender und schnaufte aus der Nase wie ein zorniger Bulle. Der Mann verschränkte seine Hände auf dem Rücken und sein schwarzer Ziegenbart erhob sich nun wie die Spitze eines Schwertes in die Luft, so als würde er auf den Hodscha zielen. Plötzlich jedoch hielt er inne. Es sah aus, als suchte er nach den schlagkräftigsten Worten in den geheimsten und dunkelsten Ecken seines Kopfes, die er sich dort für den Hodscha aufgehoben hatte und dabei blitzten seine großen Augen erwartungsvoll und voller Schadenfreude. Da richtete sich der Hodscha auf und redete in einem sanften, aber sehr deutlichen Ton. "Du glaubst daran, dass der Kessel ein Junges geboren hat. Warum glaubst du dann nicht, dass er gestorben ist?" 

Die überhebliche Arroganz des Mannes verwandelte sich augenblicklich. Ein verblüfftes Staunen erschien auf seinem Gesicht. Er erstarrte. Seine Brust senkte sich wie ein Ballon, dem plötzlich die Luft ausging. Als dann die schwere Gartentür einfach vor dem verblüfften Gesicht des Mannes mit einer erbarmungslosen Klarheit zuknallte, da fing ich an zu lachen. Es ist für mich ein unvergessener Moment, wie ich mich vor Lachen kugelte und unaufhörlich kicherte, wie eine hängengebliebene Schallplatte ... . Der Hodscha war damals für mich so real, dass ich ihn später nie wieder vergaß und die erstaunte Miene seines mürrischen Nachbarn ebenfalls nicht. An meinen Klassenkameraden aber, der mir diese Geschichte erzählt hat, erinnere ich mich kaum. Ja ich kenne nicht einmal mehr seinen Vornamen. Damals war ich der jüngste Schüler an der Atatürk-Grundschule, der ohne Immatrikulation die erste Klasse besuchte. Und nach dieser Episode lernte ich in einem "Schnellkurs" alle anderen Geschichten des Hodschas kennen und wurde ein heißer Fan von ihm. 

Der Hodscha, wie er mir damals vor meinen Augen erschien, glich keinem der anderen Hodschas, denen ich in meinem sechsjährigen Leben bis dahin begegnet war. Mein erster Lehrer "Sabri Hoca", der mich auf der Fähre beim Lesen eines Märchenbuches entdeckte hatte und meinen Vater überredete, mich vorzeitig in seine Schule zu schicken, sorgte dafür, dass ich sehr früh die Zwänge der Grundschule auf mich nahm. Er hatte mit dem Nasreddin Hodscha in den üblichen Hodscha-Witzen nichts Gemeinsames. Er ähnelte eher einem englischen Gentleman mit einer ernsten väterlichen Miene. Obwohl Sabri Hodscha etwa achthundert Jahre jünger war als Nasreddin Hodscha, sah er viel älter aus als alle Schildkröten in den Obstgärten unserer Nachbarschaft, in denen ich mich nach der Schule aufhielt und aufatmen konnte. Das war in den sechziger Jahren, in der Kleinstadt Karamürsel am Marmarameer. Sabri Hodscha trug damals eine Intellektuellen-Nickelbrille, perfekt sitzende braune Maßjacken und dazu dunkle, schmale Krawatten. Auf seinem ernsten, glattrasierten Gesicht sah ich nie ein Lächeln. Außer seiner respekterweckenden autoritären Erscheinung entdeckte ich eigentlich nichts Interessantes bzw. "Hodschahaftes" an ihm. Eigentlich war er wie jeder andere Lehrer. Vielleicht etwas besser als andere Lehrer -– mehr aber nicht. 

All dieselben Buchstaben und Zahlen, die ich schon kannte, musste ich noch einmal von ihm "lernen".  Das war langweilig. Dazu – noch beim geringsten Widerspruch – schnappte er sich mein Ohr und zog daran, bis es richtig weh tat! Abgesehen von meinen Lieblingsfächern Kunst und Musik oder dem Blattsammeln in den unendlich weiten Obstgärten Haci's in unserer Nachbarschaft interessierte mich am meisten die Frage, an welchen Schulen wohl solche lustigen Lehrer wie Nassredin Hodscha unterrichten. Naja, in unserer Atatürk-Grundschule gab es jedenfalls keinen einzigen, der so war wie Nasreddin. Es herrschte eine völlig unnötige Ernsthaftigkeit in der Klasse. "Zack" stand man auf, wenn Sabri Hodscha reinkam. "Zack" musste man sich wieder hinsetzen, wenn er "setzt euch" rief. Zwanghaftes Stillsitzen, Milchpulver zum Trinken, Kreidepulver und Schulbankstaub zum Einatmen, unsinnige Hausaufgaben ... kurz: ein überflüssiges Getue nahm täglich seinen Lauf. Weder Sabri Hodscha noch sein Unterricht waren interessant. In den Lehrbüchern gab es keinen Don Quijote, keinen Robinson und keine Bewohner Liliputs. Außerdem waren auch Texas-Tommiks-Comics verboten. Und "dank" der Hausaufgaben vom ernsten Sabri Hodscha mit seinem Gesicht wie eine regungslose Schulwand hatte ich auch keine Zeit mehr zum richtigen Lesen. Stattdessen musste ich den unsäglichen Schul-Stoff bearbeiten. 

Wie wäre das eigentlich, ein Schüler von Nasreddin Hodscha zu sein? 
Der Hodscha, der damals an der Türschwelle mit der dunklen Gestalt redete, glich weder den Hodschas an unserer Schule, noch den Hodschas in der Mittelstufe, die Religion unterrichteten und auch nicht den Hodschas aus den Korankursen. Nasreddin Hodscha  besaß eine geistige Tiefe und war umgeben von einem Charisma, so dass er etwas unbeschreiblich Geheimnisvolles an sich hatte, mir aber keine Angst einflösste. Er machte mich eher neugierig. Als ich das erste Mal den Korridor seines Hauses sah, war ich mir sicher, dass er eine noch größere Bibliothek haben musste, als bei uns zu Hause. Was für Bücher las er wohl? Ob er beim Lesen auch die Zeilen unterstrich, so wie mein Vater das tat? Welche Fächer unterrichtete er noch außer Religion? Vielleicht lehrte er eine Art "lustige Sachkunde" oder "Schnick-Schnack-Mathematik" oder ließ mit Bohnen lustige Wörter schreiben? Machte er Faxen mit seinen Schülern? Ein Lehrer, der seinen Schülern das Addieren und Substrahieren auf eine lustige Weise beibringt? Allein diese Gedanken fand ich mehr als schön! 

Im heutigen Bildungssystem würden Gelehrte wie Nasreddin Hodscha nicht ernst genommen. Sie würden keinen Platz in den Schulen unseres Landes finden. Denn hier wird den Schülern als erstes das "Ernstsein" beigebracht. Mit "Disziplin" wachsen Kinder in einer positivistisch rationalen Ernsthaftigkeit auf, in der sie keinen anderen Vogel kennen, als die Krähe und keine andere Realität, als die grob materialistische. Und nach einer Weile nehmen dann auch diese Schüler einen Hace Nasreddin nicht mehr ernst. Sie gehören dann auch mit zu denjenigen, die den Namen des Hodschas nicht mehr mit der Schule, mit Bildung oder der Universität in Verbindung bringen. Den unernsten Märchenhelden ihrer Kindheit stellen sie sich ausserhalb der akademisch-intellektuellen Welt vor. Und wenn sie dann anfangen, darüber nachzudenken, ob er denn überhaupt gelebt habe, sind sie schnell an einem Punkt angekommen, wo sie ihn vielleicht sogar leugnen. Wie auch immer die Wahrheit lautet, eins ist sicher: Hace Nasreddin lebt. Nasreddin mit seinem originellen Charakter, wie er sich in seinen Geschichten ausdrückt, ist der Vertreter einer sehr alten Tradition der lustigen Weisen in Anatolien, der auch in der orthodoxen Tradition vorkommt. Nach neueren Forschungen ist er ein Weiser, der gegen die Mongolische Besetzung in Anatolien kämpfte. Er ist der "Pir", der Gründer und Beschützer des Ahi Ordens und wurde "Hadsche Nasrüddin El Hoyi" genannt. Er war einer der wichtigsten und populärsten Intellektuellen seiner Zeit. Man kannte ihn auch unter dem Namen "Ahi Evran", das heisst "Ahi, der Drache"
Weil er mit seinem witzigen Charakter nicht in das rationale Schema der heutigen Welt passt, die sich darüber hinaus auch von jeglichen Emotionen distanziert, wird er von der heutigen "Welt der Wissenschaft" ausgeschlossen. Diejenigen jedoch, die sich Hodschas witzige und weise Art zu eigen machten – wie sie seit Jahrtausenden in Anatolien existiert – gab es noch bis Ende des zweiten Weltkrieges an verschiedenen Universitäten und zwar nicht nur in der Türkei. Sie hatten im intellektuellen Leben und in der öffentlichen Gesellschaft der Welt – wenn auch nur begrenzt – ihren Platz. Zu Zeiten des Nachkriegsliberalismus im Westen und des Sozialismus im Osten, wurde diese Denkrichtung jedoch fast völlig aus dem modernen Leben ausgeschlossen. Neyzen Tevfik [3] ist in der Türkei einer der letzten Vertreter dieser Tradition. Ab den achtziger Jahren in der neoliberalen Zeit verschwand diese Denkrichtung dann ganz. Wir, die wir Aziz Nesin [4] – als einen Schriftsteller in dieser Nachfolgetradition – noch erleben konnten, sollten uns daher darüber sehr glücklich schätzen. 

Nach heutiger Auffassung über Bildung und zu Intellektualität müsste Hodscha Nasreddin, um als ein Gelehrter zu gelten und den heutigen Akademikern ebenbürtig zu sein, den akademischen Anforderungen genügen. Er sollte daher gefälligst einige Werke verfasst haben! Obwohl Ahi Evran auch schriftliche Werke hinterließ, kennt man keine von Nasreddin Hodscha, wie er ja auch noch hieß. Wie kommt es dann aber dazu, dass eine Witzfigur wie der Hodscha, der sich ständig lächerlich machte und keinerlei schriftliche Arbeiten vorweist, seit achthundert Jahren auf drei Kontinenten geliebt und verehrt wird? Oder vielleicht sollte ich die Frage anders stellen: Wie konnte dieser Hodscha es schaffen, dauerhaft verehrt und respektiert zu werden, mehr als die meisten Universitätsprofessoren und Intellektuellen in der heutigen Welt? Diese Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten als noch vor einem halben Jahrhundert, da heute intellektuelle Tätigkeiten mit ganz anderen Methoden erfasst werden und Ratings unterworfen sind, die sich nach den Auflagen der verfassten Werke richten und an den akademischen Titeln orientieren.

Übersetzt von Sümer Caydı und mit einigen Änderungen versehen.



[1] Die Geschichte: Hodscha hat sich von einem Nachbarn einen Kessel ausgeliehen. Als er ihn nicht mehr braucht, gibt er ihn zurück. In den Kessel hat er aber einen kleineren hineingestellt. Als der erstaunte Nachbar fragt, was das denn bedeute, antwortet er: "Der Kessel hat ein Junges bekommen." Der Nachbar ist hocherfreut. "Du kannst dir jederzeit meinen Kessel ausleihen", sagt er. Nach einiger Zeit braucht Hodscha den Kessel abermals und leiht ihn vom Nachbarn aus. Die Zeit vergeht, aber Hodscha gibt den Kessel nicht wieder zurück. Schließlich verlangt der Nachbar seinen Kessel zurück. Doch Hodscha meint betrübt: "Mein Beileid, aber dein Kessel ist leider gestorben." "Seit wann kann denn ein Kessel sterben?" fragt der Nachbar. "Ohoh, Herr Nachbar" erwidert da Hodscha "dass der Kessel Junge kriegen kann, glaubst du, aber dass sie sterben, das glaubst du nicht?"
[2] Eine Stoffart, die es nur in Şile gibt. Zur Herstellung von Şilebezi wird Zellstoff ein einen Kessel mit kochendem Wasser geworfen und unter gutem Rühren erhitzt. Ist er zu einem Teig geschmolzen, wird Baumwollgarn nachgeworfen. Beides vermischt sich, bis der Teig absorbiert ist. Hieraus wird das Garn gezogen und auf Seile zum Trocknen gehängt. Mit Wickelmaschinen wird es auf Garnrollen gedreht und ist dann bereit zum Weben. Das gewebte Tuch wird im Meerwasser gewaschen und als pelletiertes trockenes Tuch mit in der Region einzigartigen Handstickereien versehen.
[3] Der Dichter und Satiriker Tevfik Kolaylı– mit Künstlernamen Neyzen Tevfik – lebte von 1879 bis 1953 in Bodrum, Izmir und Istanbul. Im Jahr 1902 wurde er ein Bektaschi Derwisch und seine kritische Satire führte ihn dann im Jahr 1903 für eine Zeit nach Ägypten ins Exil.
[4] Azis Nesin lebte von 1915 bis 1995 in Istanbul. Unter anderem gab er die Satirezeitschrift Markopaşa mit heraus. Er schrieb über 100 Bücher und musste sich aufgrund seiner kritischen Haltung in über 200 politischen Prozessen in der Türkei verteidigen. Islamische Fundamentalisten erklärten ihm gegenüber eine Fatwa. 1993 zündeten Fundamentalisten in Sivas das Tagungshotel an, bei dem 33 Menschen getötet. Nesin wurde damals verletzt und starb dann zwei Jahre später.